Geschichte des Lagerhauses

 

Genau am 8. Februar 1844 fassten zwölf Vlothoer Kaufleute, denen man nachsagte, „dass sie sich kein x für ein u vormachen ließen", den bedeutsamen Entschluss, gemeinsam den Bau eines Lagerhauses zu verwirklichen. Ihre unternehmerische Initiative basierte weniger darauf, Lagerraum als solchen für sich und Dritte zu beschaffen, sondern vielmehr auf dem Schwerpunkt, eine Niederlage einzurichten, in der eingeführte Güter zollfrei gelagert werden konnten. Genauer gesagt: Die Zahlung der Zollgebühren sollte zur Stärkung der finanziellen Eigenmittel solange hintenangestellt werden können, bis die eingelagerten Güter für Fabrikations- oder Handelszwecke unbedingt benötigt wurden.

 

Das 1846 baufertige Lagerhaus umfasste einen umbauten Raum von 15.362 Quadratmeter

 Jene zwölf investitionsfreudigen und gewiss kaufmännisch ellenbogenstarken Unternehmer veranlassten den Ankauf eines etwa 6 000 Quadratmeter großen Baugeländes. Die Parzellen lagen zwischen Weser, Mühlenbach und Mühlenstraße. Sie wurden in der Flurkarte unter den Bezeichnungen „Auf´m Amtshofe", „Mühlengraben", "Mühlengarten" und „In der Schlacht" geführt. Bereits am 20. Mai 1845 war es soweit, den Grundstein zum Bau des Lagerhauses zu legen. Im Herbst 1846 war das Gebäude baufertig. Es wurde unter Verwendung von Vlothoer Horststeinen in viergeschossiger Bauweise erstellt. Die Stärke des Mauerwerks betrug unmittelbar über dem Erdboden fast 2,5 Meter. Der Innenausbau bestand aus fünf jeweils 15 Zentimeter dicken Eichenbohlen. Decken auf einer Stützkonstruktion, die aus eichenen Baumstämmen bis zu einem Durchmesser von einem Meter gebildet wurde. Das Lagerhaus-Bauwerk (seinerzeit sicher ein oder das Wahrzeichen Vlothos) dehnte sich aus auf einer Fläche von 918 Quadratmeter mit dem Ergebnis eines umbauten Raumes von 15.362 Quadratmeter.

 

 

Aber nicht nur Tabak wurde eingelagert

Das ausnahmslos hölzerne „Innere", des weit und breit einmaligen Gebäudes kam dem vorwiegend dort eingelagerten Rohtabak insofern zugute, als seine Empfindlichkeit weder durch Baumaterial noch  Feuchtigkeit  beeinträchtigt werden konnte. Außer Rohtabak lagerten (siehe Bild links) auf den Holzböden auch noch andere eingeführte Güter wie zum Beispiel Mais, Gerste, Rosinen, Kuba-Zucker, Kaffee, Kakao, Tee und Petroleum, eben das, was Vater Staat mit Zoll zu belegen für steuerträchtig und gerecht erachtete. Dieser Vielfältigkeit waren selbstverständlich die kaufmännisch denkenden Gründer und Betreiben des Lagerhauses sehr zugetan, um möglichst rentable Mittel für die Schuldenabzahlung und die laufenden Kosten zu kassieren.

Schuldentilgung in 30 Jahren

Im Jahr der Fertigstellung und Benutzbarkeit der zollfreien Niederlage (1846) wurden von den Initiatoren auch die Rechtssatzungen beschlossen. Darin hieß es u. a.: „Zweck der Niederlage ist die Förderung des Handels. Zur Deckung der Unkosten werden Lager-, Waage-, Kran- und Schlachtgelder erhoben. Gewinne sollen zunächst zur Abzahlung der Aufwendungen bzw. Schulden verwendet werden. Nach der Schuldentilgung in geschätzten 30 Jahren soll der Überschuss zu gleichen Teilen aufgeteilt werden".

 

Bau eines Zollamtsgebäudes

1869 wurde auf Veranlassung des zuvor zitierten Personenkreises und vermögen der von ihm bereitgestellten Gelder unmittelbar neben dem Lagerhaus auf dem ja reichlich verfügbaren Grund und Boden ein Zollamtsgebäude errichtet unter der Bedingung, dass den Geldgebern ein „Vorkaufsrecht unter Zugrundlegung von 750 Thalern" (ein Thaler gleich drei Reichsmark) eingeräumt wurde. Die Lagerhaus-Gemeinschaft erwarb zudem am Weserufer als Verladerampe das „Bollwerk und den Kran", die der Eigentümer des Fährhofes im Auftrage der „Preuß. Accise-Commission" seit 1920 unterhalten hatte. Im fraglichen Jahr übrigens, so weisen es die Geschäftsbücher aus, wurden u. a. 15.680 Zentner Tabak eingelagert. Davon gingen lediglich 6.204 Zentner in die Nachbarorte Bünde, Bielefeld, Osnabrück und ins Lipperland zur weiteren Verarbeitung; der Hauptanteil jedoch blieb in Vlotho.

In den Jahren 1870 bis 1873 erwarb Leopold Tintelnot, Mitinhaber der Zigarrenfabrik Niemann & Tintelnot, Grundstücksanteile ausgeschiedener Lagerhaus-Gründer bzw. -Eigentümer. Er übertrug sie 1874 auf die Firma Niemann & Tintelnot.

 

Gründung einer Lagerhausgesellschaft mit einem Stammkapital von 24 000 Mark

Am 31. Oktober 1912 schließlich wurde beim Amtsgericht in Vlotho in das Handelsregister die Gründung der „Vlothoer Lagerhausgesellschaft m.b.H." eingetragen und somit ein ordentlicher, rechtswirtschaftlicher und wirksamer Zustand zwischen den nunmehrigen Eignern hergestellt. Diese Gesellschaft verfügte über ein Stammkapital von 24.000 Reichsmark, das á conto der Eigner wie folgt verbucht wurde: 12.000 RM zu Gunsten von Niemann & Tintelnot, Zigarrenfabrik, je 4.000 RM zu Gunsten von Friedrich Schöning, Zigarrenfabrik, Saatmann & Bödeker, Zigarrenfabrik, Paul Thoß, Kolonialwarengroßhandlung.

Dazu noch etwas sehr Persönliches über einen der Gesellschafter: Paul Thoß war bekannterweise jahrelang kommunalpolitisch und dabei vorwiegend als Beigeordneter für die Stadt Vlotho tätig. Ganz im Gegensatz zu seiner mal geäußerten Meinung „Man muss immer einen Löffel in der Hand haben, wenn es Brei regnet!" verzichtete er jedoch darauf, jedweden Pfennig für diese Tätigkeit zu verlangen, wozu er in angemessener Weise berechtigt gewesen wäre.

 

Der Auflösung entgegen

Die Lagerhausgesellschaft wurde anfänglich durch zwei Geschäftsführer vertreten: Julius Tintelnot und Paul Thoß. 1925 schied Julius Tintelnot aus. Ihm folgte Hans Tintelnot. Als die Zigarrenfabrik Saatmann & Bödeker im Jahre 1950 ihre Fabrikation aufgab, verteilte sich das Stammkapital der Lagerhausgesellschaft wie folgt: 14.400 Deutsche Mark (DM) á conto Niemann & Tintelnot, je 4.800 Deutsche Mark á conto Friedrich Schöning und Paul Thoß. Als Geschäftsführer wurden bestellt Fritz Tintelnot sen. und Julius Schöning, ab 1955 Fritz Tintelnot jr. und Dietrich Schöning, ab 1958 Harald Tintelnot und Dietrich Schöning, ab 1973 Harald Tintelnot und Hans Albin (Schwiegersohn und Erbe von Paul Thoß). Im gleichen Jahr wurde die Lagerhausgesellschaft umgewandelt in die „Vlothoer Lagerhaus Niemann & Tintelnot Kommanditgesellschaft". Einziger Kommanditist was Hans Albin.

1966 wurde das Zollamt in Vlotho aufgehoben. Seine Aufgaben wurden vom Hauptzollamt in Minden ( und Bad Oeynhausen) wahrgenommen. Das von der Gesellschaft übernommene Gebäude wurde zu einem Wohnhaus umgebaut, das vornehmlich ausländischen Arbeitern der Firma Niemann & Tintelnot Unterkünfte bot. Als 1978 die bereits 1969 beschlossene Stadtsanierungsmaßnahmen anstanden, verkaufte die Kommanditgesellschaft das Lagerhaus und die übrigen Liegenschaften an den Landschaftsverband Westfalen-Lippe und löste sich auf.