Die Lange Straße mit dem Brink. Foto: um 1965.

 

 

 

"die Straße"  -  "Lange Straße"

 

In der Zeit vor 1650, als es noch keine Oelbrinkstraße gab, bildete die Lange Straße die einzige Straße von Vlotho, da die von ihr abzweigenden Wege sehr kurz waren. Denn auch in der Weserstraße hörte die Besiedlung vor der Bachbrücke (heute Finkhäuser) auf. Sie hieß daher im 17. Jahrhundert einfach „die Straße". So wohnte nach dem Kirchenbuch, das uns die meisten alten Bezeichnungen überliefert hat, im Jahre 1699 ein Johann Schlüter „in der Straße", eine Bezeichnung, mit der wir heute nicht viel anfangen können. Da die damals noch fehlenden Hausnummern das Auffinden der Häuser sehr erschwerten, teilten die Vlothoer Bürger die Lange Straße in Unterabschnitte auf. Ihre Namen haben sich zum Teil noch bis auf die heutige Zeit erhalten, andere sind schon in Vergessenheit geraten.

 

Den untersten Teil der Langen Straße würde man heute wohl als „Beim Güterbahnhof" bezeichnen. Früher nannte man ihn nach dem gegenüberliegenden Abhang des Amthausberges, dem Oberg, auf den heute die Obergstraße hinaufführt, die allerdings nur eine kleine Gasse darstellt, in der sich aber ein den meisten Bürgern unbekanntes Stück von Alt-Vlotho erhalten hat. Schon um 1500 hat sich hier ein „Franz im Oberge" ein Häuschen gebaut, später entstanden auch am Fuße des Berges, d. h. an der Langen Straße, weitere Häuser, die nun unter der Bezeichnung: „unten im Oberge" oder „unter dem Oberge" auftreten.

Orientierungspunkt für den anschließenden Teil etwa vom Bahnhof bis zum heutigen Rathaus war früher das alte Rathaus, das unter der alten Hausnummer 74 an der Bergseite auf dem freien

 

Platz neben der heutigen Kulturfabrik stand und 1832 abgerissen wurde.

Für die Vlothoer Bürger war allerdings die Ratsstube oben im Hause weniger wichtig als der darunter befindliche Ratskeller. So wurde das Rathaus kurz als „der Keller" bezeichnet und die Leute, die in diesem Teile der Stadt ihr Haus hatten, wohnten entweder „hintern, beim" oder „vorm Keller".

 

Der daran anschließende Teil erhielt sein besonderes Aussehen durch die Anlage der Häuser in zwei oder sogar drei Stockwerken, was durch die Steilheit des Amthausberges bedingt war. So entstanden die beiden „Brinke" und die „Grund". Der eine Brink gegenüber der Einmündung der Weserstraße ist schon 1905 abgetragen worden, die Grund dagegen vor dem heutigen Gesundheitsamt erst seit 1955 verschwunden und mit ihr auch die dort liegenden Häuser und die alte Bezeichnung „in der Grund". Die noch im Jahre 1950 vorkommende Bezeichnung „am Brink“ dürfte sich wohl auf den abgetragenen Brink (bei Optik-Knöner) beziehen.

 

Später hieß der gegenüber liegende Bereich, „Am Markt“. Denn 1650 hatte der Große Kurfürst dem Flecken Vlotho das Recht verliehen, einen Wochenmarkt abzuhalten; auf einer Karte von 1796 wird der heutige Dr.-Georg-Schultze-Platz sogar als „Marktplatz" bezeichnet.

 

Nach der Verlegung (1819) des Friedhofes (neben der St. Stephanikirche) auf die „Heilige Seele" (heute städtischer Friedhof) wanderte der Name auf den nach 1819 aufgeschütteten Platz vor der Stephanikirche, allerdings nicht amtlich, obwohl heute der Markt dort abgehalten wird. Hier an der Winterbergstraße hörte früher „die Straße“ auf; denn das weitere Stück bis zur Friedhofsstraße gehörte auch zum Besitz des früheren Klosters Segensthal und wurde erst 1650 zur Bebauung freigegeben. Das hier liegende Land hatte den Flurnamen „Tegelkamp“, weil man aus dem lehmhaltigen Boden Ziegel gebrannt hatte. Die dort entstehenden schönen Fachwerkhäuser lagen daher „auf dem Kampe". Die heutige Kampstraße, eine Nebenstraße der Wasserstraße, hat nach den dort gelegenen Kämpen ihren Namen.